Diagnose Darmkrebs:

Wenn ihr das hier lest, bin ich nicht mehr da

Charlotte schrieb seit 2013 als Gastautorin für die Huffington Post UK. Am Dienstag, 16. September 2014, hat sie den Kampf gegen den Darmkrebs verloren.
Sie schrieb einen letzten Beitrag, den wir nach ihrem Tod mit den Lesern teilen sollten. Wir fühlen uns geehrt, ihn hier zu veröffentlichen.
The Huffington Post UK.

Ich war immer ein sehr gut organisierter Mensch. Ich mag Listen, To-Dos und Ziele. Ich bin gut darin, Dinge anzufangen, aber ehrlicherweise langweile ich mich auch schnell und verliere das Interesse, wenn die erste Aufregung abgeklungen ist.

Mein Krebs hat mich nicht gelangweilt. Ich konnte ihn nicht einfach aufgeben, weil ich an einem Tag gerade keine Lust darauf hatte. Es gibt keinen Schalter, den ich von einem Tag auf den anderen umlegen kann. Zumindest nicht für mich.

Seit meinem ersten Tag als Krebspatientin ging ich zu jedem Test, jeder Untersuchung und jedem Termin. Ich habe jede Behandlung ausprobiert, dir mir angeboten wurde. Standard-Therapien der Medizin. Hüttenkäse mit Öl. Akupuktur. Grünkohlsaft.

Der Krebs hat unser Leben übernommen. Ferien, Friseurtermine und Flugstunden planten wir je nachdem, ob das Wochenende nach der Chemo gut oder schlecht lief. Danny und Lu waren unabsichtlich Zuschauer, unschuldig.

Sie wuchsen behütet auf, sie mussten aber auch nach meinem strengen Zeitplan leben. Anders kennen sie es nicht und ich hoffe, dass sie trotzdem zu wohlgerundeten, geliebten und liebevoll gehüteten Kindern geworden sind.

Nun mussten wir ihnen sagen, wovor wir sie beschützt haben. Nach meinem Geburtstag fing ich an mich "unwohl" zu fühlen. Wir gingen ins Krankenhaus und ließen die üblichen Test machen.

Leider war das Ergebnis nichts weniger als niederschmetternd, als wir es mit einer neuen MRT-Aufnahme ergänzten.

Wir hatten nicht länger einen Monat-für-Monat-Zeitplan mit ein paar Monaten Puffer am Ende. Ich hatte nur noch Tage, vielleicht ein paar Wochen zu leben.

Eigentlich hätte ich das Krankenhaus nicht mehr verlassen sollen, aber wir schafften es, im letzten Moment nach Hause zurückzukehren, damit ich das bisschen Zeit, das mir blieb, mit meinen geliebten Kindern und meinem liebevollen Ehemann verbringen konnte.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich gerade auf dem Sofa, relativ schmerzfrei. Ich bin mit meinen kleinen Projekten beschäftigt, zum Beispiel meine Beerdigung organisieren und mein Auto verkaufen. Wir wachen jeden Morgen auf, dankbar, dass ich kuscheln kann und meine Babys küssen darf.

Wenn ihr das hier lesen, bin ich nicht mehr da. Rich wird versuchen, einen Fuß vor den anderen zu setzen, irgendwie zurechtzukommen, einen Tag nach dem anderen. Er weiß, dass ich nicht länger neben ihm aufwachen werde.

Er wird mich in seinen Träumen sehen aber im grellen Morgenlicht wird das Bett leer sein. Er wird zwei Tassen aus dem Schrank nehmen und dann merken, dass er nur einen Kaffee einschenken wird.

Lucy wird jemanden brauchen, der ihr die Schachtel mir ihren Haargummis gibt, aber es wird niemand da sein, der ihr Haar flechtet. Danny wird einen seiner Lego-Polizisten verlieren, aber niemand wird genau wissen, welcher es ist und wo er suchen muss.

Ihr werdet nach einem neuen Beitrag auf meinem Blog Ausschau halten. Es wird keinen geben, das hier ist das letzte Kapitel.

Und so werde ich ein klaffendes, ungerechtes, grausames und sinnloses Loch hinterlassen, nicht nur in der Halliford Road. Auch im Zuhause, in den Gedanken und Erinnerungen der anderen Menschen, die mir nahe stehen. Freunde, Verwandte.

Das tut mir leid. Ich wäre so gerne noch bei euch, würde mit euch lachen und mein neues, seltsames Wunderessen essen, meine unnötigen Weisheiten mit euch teilen.

Es ist noch so viel Leben übrig, das ich gern leben würde, aber das geht jetzt nicht mehr. Ich will für meine Freunde da sein, wenn sie sich weiterentwickeln. Meinen Kindern dabei zusehen, wie sie erwachsen werden. Ich würde gern mit Rich alt und griesgrämig werden. Alle diese Dinge bleiben mir verwehrt.

Aber sie bleiben euch nicht verwehrt. Bitte, bitte genießt euer Leben in meiner Abwesenheit. Nehmt es in beide Hände, haltet es fest, schüttelt es und glaubt jede Sekunde daran. Vergöttert eure Kinder. Ihr habt keine Ahnung, wie gesegnet ihr seid, weil ihr sie morgens anschreien dürft, damit sie sich endlich die Zähne putzen.

Umarmt den Menschen, den ihr liebt und wenn er eure Umarmung nicht erwidern kann, findet jemanden, der es tut. Jeder verdient es, zu lieben und geliebt zu werden. Gebt euch nicht mit weniger zufrieden.

Findet eine Arbeit, die ihr gern macht aber werdet nicht ihr Sklave. Auf eurem Grabstein wird am Ende nicht stehen: "Ich wünschte, ich hätte mehr gearbeitet." Tanzt, lacht und esst mit euren Freunden.

Wahre, ehrliche Freundschaften sind ein Segen und eine Wahl, die wir treffen können, nicht bloß jemand, gegenüber dem wir zu Loyalität verpflichtet sind, weil wir durch Blut verbunden sind. Wählt weise und schenkt euren Freunden alle Liebe, die ihr aufbringen könnt.

Umgebt euch mit schönen Dingen. Das Leben hat viele graue und traurige Momente - sucht also nach dem Regenbogen und rahmt ihn euch ein. In allem steckt Schönheit, manchmal muss man nur genauer hinsehen, um sie zu entdecken.

Das war's von mir. Ich danke euch für die Liebe und Güte, die ihr mir auf eure Arten in den letzten 36 Jahren gezeigt habt. Von den fiesen Zicken auf dem Spielfeld, die mich in die Brennnesseln geschubst haben, als ich sechs war. Bis hin zu den verwitweten Männern, die mir in der letzten Woche erzählt haben, was ihre sterbenden Frauen getan haben, um ihre Kinder und alle anderen vorzubereiten. Ihr alle habt mir auf eure Art ein wenig geholfen, zu dem Menschen zu werden, der ich bin.

Bitte schenkt eure Liebe für mich nun Rich, meinen Kindern, meiner Familie und meinen engen Freunden. Und wenn ihr heute Nacht eure Vorhänge zuzieht, haltet Ausschau nach einem Stern. Das werde ich sein, wie ich runterschaue, eine Pina Colada schlürfe und eine Schachtel mit (sehr teurer) Schokolade genieße.

Gute Nacht, lebt wohl, möge Gott euch segnen.

Charley xx

 

 

Quelle: http://www.huffingtonpost.de/charlotte-kitley/diagnose-darmkrebs_b_5867616.html